Für’s Juli-Reformiert soll ich die Kolumne schreiben. Wieder einmal Einblick geben in meine konkrete Arbeit als Pfarrer. Nicht alles ist gut. Normalerweise kann ich ja nicht gebrauchen, was ich verwerflich finde. Für diese Kolumne aber schon. Wer mich etwas kennt, weiss, wieviel Arbeit ich immer wieder leisten muss mit Weglassen von Ideen, die mir auch noch in den Sinn gekommen sind!
Lust auf ein Bier? Passt doch in den Juli! Nicht? - Weglassen, was auf den ersten Blick gut ist, ist schwierig. – Aber ist das gut?
Das Bild ist aus dem Hotel, wo ich dann Seniorenferien mache. Also nicht ich allein, sondern im Team, und natürlich mit Seniorinnen und Senioren. Manche wünschen mir dann schöne Ferien! Das ist natürlich schon ein guter Wunsch. Aber, was sind denn Ferien? Und was sind Seniorenferien?
Sie werden verstehen, warum ich gezögert habe, das Bild hier und dort zu verwenden: Es gibt sich lustig, gluschtig vielleicht, es ist auf eine Art «retro» - Aber je länger ich es betrachte, umso fragwürdiger wird es mir. Ich möchte nicht, dass Frauen so als Werbeträger gebraucht und missbraucht werden. Und wenn ich oben «Lust auf ein Bier?» gefragt habe, wenn ich anfange, über Lust nachzudenken, und über den Zusammenhang, in dem das jetzt hier steht, in einem kirchlichen Blatt, so finde ich es nicht mehr lustig. Ich schäme mich geradezu, erwogen zu haben, das zu verwenden! Diese Scham hat mir etwas zu sagen.
In der Ausbildung zur Altersseelsorge habe ich bei einer katholischen Theologie-Professorin in Chur gelernt, biblische Geschichten, die angeblich zum Thema Sünde sind, neu zu lesen als Geschichten der Scham. Dieser Aspekt, dass sich Menschen schämen, ist sehr interessant für das Verstehen von Leben, auch vom eigenen, und für die achtsame Begegnung mit Menschen mit ihren Geschichten.
Mir kommt dieses Lied in den Sinn, von Mani Matter, «will sy Hemmige hei» - das deckt aber nicht ganz das Gleiche ab. Hemmungen sind eine Bremse, eine, die hoffentlich vor Schlimmerem abhält. Scham ist aber noch etwas anderes: Scham ist eine peinliche Betroffenheit. Sie kommt so nahe, dass man zu Boden sieht. Die Scham ist zu nahe getreten. Sie hat zu tun mit Grenzen, die nicht geachtet worden sind. Mit Verletzungen. Es geschieht nichts «erhebendes», eher etwas «unterdrücktes».
Ich darf Sie einladen, in diesem Zusammenhang eines der kostbarsten Stücke der Bibel ganz neu zu entdecken: Lukas 1,46-50, Übersetzung Bibel in gerechter Sprache: «Und Maria sprach: ‘Meine Seele lobt die Lebendige, und mein Geist jubelt über Gott, die mich gerettet hat. Sie hat auf die Erniedrigung ihrer Sklavin geschaut. Seht, von nun an werden mich alle Generationen glücklich preisen, denn Grosses hat die göttliche Macht an mir getan, und heilig ist ihr Name. Ihr Erbarmen schenkt sie von Generation zu Generation denen, die Ehrfurcht vor ihr haben.’»
Nun staune ich etwas, dass ich nach diesem Bild und Anfang der Kolumne beim Lobgesang der Maria angekommen bin – «die Wege der Lebendigen sind unerforschlich!» - und denke kurz, aber unüberlegt: Besser so als andersherum: Bei Maria anfangen und bei so einer «Voisine blonde» mit Bier enden…! Aber halt: Genau so geht Evangelium: Gott, Jesus, wendet sich Frauen, Menschen zu, die herabgewürdigt werden. Er ist erhebend: Zum Wohl!
Dominique Guenin