Kolumne

Selig sind, die Frie­den stiften

Im Sep­tem­ber reflek­tiert Mar­tin Stü­deli über die Neutralität.

Die Neutralität gehört sicher zu den grossen Stärken der Schweiz. Sie hat unserem Land ermöglicht, Kriege zu überstehen, Vertrauen zu gewinnen und immer wieder als Vermittlerin aufzutreten. Gerade deshalb lohnt es sich, über ihren Sinn nachzudenken.

Neutralität bedeutet, sich nicht militärisch an einem Krieg zu beteiligen. Sie bedeutet aber nicht, gegenüber Unrecht, Gewalt oder der Verletzung von Menschenrechten gleichgültig zu sein. Auch der christliche Glaube bestärkt uns darin, nicht einfach neutral zu bleiben, wenn Menschen unterdrückt, Freiheit zerstört oder Recht missachtet wird. Neutralität ist ein aussenpolitisches Prinzip. Sie ersetzt nicht die Verantwortung für den Mitmenschen.

Jesus sagt in der Bergpredigt: «Selig sind, die Frieden stiften» (Mt 5,9). Er spricht nicht von Menschen, die sich aus Konflikten heraushalten oder nur den eigenen Frieden suchen. Er spricht von Menschen, die Frieden gestalten. Frieden ist für ihn mehr als die Abwesenheit von Krieg. Das zeigt auch das Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk 10,29-37). Der Samariter fragt nicht, ob der Überfallene zu seinem Volk gehört oder welche Nachteile ihm das Helfen bringen könnte. Er sieht einen Menschen in Not und handelt. Am Ende des Gleichnisses fragt Jesus: «Wer ist dem Verletzten zum Nächsten geworden?» Er fragt nicht nach neutralem Verhalten. Denn Frieden entsteht dort, wo Menschen Verantwortung gemeinsam tragen, Brücken bauen, Versöhnung suchen und sich für Gerechtigkeit einsetzen.

Gerade in einer Zeit wachsender Spannungen ist das wichtig. Frieden entsteht nicht, indem wir nur die eigenen Interessen schützen. Er wächst dort, wo Menschen und Staaten bereit sind, Verantwortung miteinander zu teilen, das Recht zu achten und den Dialog offen zu halten. Neutralität kann dafür eine wertvolle Voraussetzung sein.

In diesem Sinne hat die Schweiz international viel einzubringen: ihren gelebten Föderalismus, ihre Erfahrung in der Vermittlung, ihre humanitäre Tradition – und ihre Neutralität. Diese Neutralität findet ihren Sinn aber erst dort, wo sie Beziehungen ermöglicht. Sie dient dem Frieden nicht, wenn sie sich heraushält, sondern indem sie einen neutralen Raum bietet, in dem vermittelt werden kann und Verantwortung übernommen wird. Frieden ist kein Rückzug aus der Welt. Frieden ist die Kunst, trotz aller Unterschiede einen gemeinsamen Weg zu suchen. Denn der Friede, von dem Jesus in vielen Gleichnissen spricht, ist ein gemeinsamer Frieden. Der Friede Jesu beginnt, wo unsere Verantwortung über unsere eigenen Interessen hinausgeht. Aus meiner Sicht bewegt sich die Absicht der Neutralitätsinitiative jedoch zu sehr in eine andere Richtung.

Martin Stüdeli