Kolumne

Warum Men­schen gehen und andere bleiben

In der Dezember-​Kolumne denkt Janine Reng­gli über die Zuge­hö­rig­keit zur Kir­che nach.

Haben Sie manchmal das Gefühl, dass der Dezember eine besondere Ruhe mit sich bringt?

Die Tage sind kurz, das Licht gedämpft und manchmal scheint es, als würde die Welt den Atem anhalten. In dieser Zeit tauchen Gedanken auf, die im Alltag oft keinen Platz finden. Vielleicht ist es deshalb, dass mich die Austrittsschreiben, die ich im Büro unserer Kirchgemeinde bearbeite, gerade jetzt besonders berühren. Ich sehe Namen, Geburtsdaten und manchmal auch das Taufdatum. Oft enden die Briefe mit dem Satz: Ich möchte mich nicht dazu äussern. Und trotzdem frage ich mich jedes Mal: Was hat diese Menschen einst mit der Kirche verbunden und warum gehen sie jetzt?

Ich selbst bin nicht religiös aufgewachsen. Kirche spielte bei uns keine grosse Rolle. Erst durch meinen Mann kam ich in Berührung mit dem Glauben. Später liessen wir unsere drei Kinder taufen, aber innerlich blieb ich lange nur Beobachterin. Der Glaube kam nicht auf einen Schlag. Er wuchs leise und fast unbemerkt, irgendwo zwischen Alltag, Familienleben und den kleinen Momenten dazwischen. Nicht durch grosse Worte, sondern durch Erfahrungen, die mich getragen haben, besonders in schwierigen Zeiten.

Heute arbeite ich im Büro unserer Kirchgemeinde und am Wochenende als Sigristin in einer anderen Gemeinde. Ich bin da, wenn Kinder getauft, Ehen geschlossen oder Verstorbene verabschiedet werden. Ich richte her, höre zu, begleite und irgendwann wusste ich: Ich will dazugehören. Vor wenigen Wochen habe ich mich taufen lassen. Mit 44 Jahren, bewusst und von Herzen. Ein Ja zu einem Glauben, der nicht perfekt sein muss, der Fragen aushält und trotzdem trägt.

Die vielen Kirchenaustritte berühren mich. Ich verurteile sie nicht, aber ich nehme sie ernst. Jeder Abschied hat seine Geschichte. Doch manches bleibt, und manches kann wieder aufblühen, selbst wenn es lange verborgen war. Ich bin eingetreten. Spät, aber mit Überzeugung. Und ich bin dankbar für alle, die bleiben. Denn Kirche braucht Menschen und Menschen brauchen manchmal Kirche. Jetzt, im Advent, wenn die Dunkelheit früh einbricht, spüre ich diese Verbundenheit besonders. Da ist etwas, das trägt. Vielleicht ist das Schönste an Weihnachten, dass Gott bleibt, auch wenn wir uns manchmal verlieren.

Janine Renggli, Verwaltungsangestellte