Als wären die Wände mit Samt überzogen - so präsentieren sich die über 1500 Jahre alten Mosaike in Ravenna. Sie wirken Dank ihrer leichten Unregelmässigkeit weich und lebendig. Aber auch die Bildmotive sind einladend: Jesus Christus als Täufling, als siegreicher Retter, mal auf einem orientalisch gepolsterten Thron mal auf einem meerblauen Globus - oder als guter Hirte.
In den ersten Jahrhunderten der noch jungen Kirche stand weniger das Leiden Christi im Zentrum, sondern seine göttliche Natur und sein Sieg über den Tod: der „gute Hirte“ fürsorglich und nahbar.
Es war rund zwei Wochen nach Karfreitag, als ich vor diesen zeitlosen Kunstwerken stand, und ich hätte nicht weiter weg vom Bild eines leidenden Gottes sein können. Hier stand Christus nackt im Jordan und liess sich taufen, sass mitten in einer Wiese und streichelte Schafe oder schaute wohlwollend und sanft auf die Gläubigen. Das hat mich sehr berührt.
Vielleicht habe ich aufgrund der gegenwärtigen Weltlage diese Seite der christlichen Botschaft weniger präsent gehabt. Ich hatte mehr den Gott im Sinn, der mit der Natur und mit den Menschen leidet, als den guten Hirten, der mitten in einem Feld sitzt und ein Schaf streichelt.
Aber wir brauchen gerade auch diesen liebenden, sinnlichen und wohlwollenden Christus in einer Zeit, der es ja oft an Sanftheit, Entgegenkommen und Beziehung mangelt. Vielleicht ist es genau dieses Wohlwollen, das uns verwandeln kann: eine Hand, die nicht festhält, sondern einfach berührt. Ein Hirte, der aus hundert Schafen das verirrte sucht (Lk 15,4–7; Mt 18,12–13). Wer sich so getragen weiss, lernt selbst zu tragen. Er oder sie wird weitergehen und weitersuchen, bis das Verlorene gefunden ist und bis alle teilhaben können. Gerechtigkeit und Frieden für alle.
Martin Stüdeli, Pfarrer