Kolumne

Glau­ben, obschon

In der April-​Kolumne nimmt uns Kath­rin Brod­beck mit auf einen orni­tho­lo­gi­schen Spaziergang.

Im letzten Frühling habe ich an einem ornithologischen Morgenspaziergang teilgenommen. Ausge-rüstet mit einem Feldstecher, habe ich mich auf den Weg gemacht, als es noch dunkel war. Im Mor-gengrauen habe ich zusammen mit anderen Vogelfreund*innen die Ohren gespitzt und Ausschau gehalten nach Zilpzalp, Bachstelze und Goldammer. Seit diesem Spaziergang höre ich, ob bei uns im Garten eine Blaumeise oder eine Kohlmeise ruft, und ich weiss jetzt, dass der Hausrotschwanz der erste ist, den ich am Morgen höre. Er singt, bevor die Sonne aufgegangen ist. Deshalb denke ich jetzt oft, wenn ich den Gesang eines Hausrotschwanzes höre, an die Worte des bengalischen Literaturnobelpreisträgers Rabindranath Tagore: Glaube ist der Vogel, der singt, wenn die Nacht noch dunkel ist.

Wenn ich am Abend vor dem Einschlafen all meine Ängste und Sorgen in ein Gebet einwickle, wenn ich versuche, meine Ohren zu spitzen und mein Herz für Gott zu öffnen, wenn ich der Gewalt und dem Unrecht trotzig meinen Glauben entgegenstrecke, dann denke ich an den Hausrot-schwanz.