Manchmal habe ich das Gefühl, unsere Tage rasten wie auf Schienen davon. Termine reihen sich an Termine, Mails und Post erinnern an Unerledigtes, die To-do-Liste wächst schneller, als man sie abarbeiten kann. Und selbst in der Freizeit meldet sich das Gefühl, etwas „Sinnvolles“ tun zu müssen: Sport treiben, gesünder essen, die Wohnung optimieren, an uns selbst arbeiten. Es ist, als ob das Leben in den Sog einer ständigen Verbesserungsmaschinerie geraten wäre. Auf einer Linie, die nur eine Richtung kennt: nach vorne, schneller und effizienter.
Im Gegensatz dazu feiert das Kirchenjahr die Wiederkehr des ewig Gleichen. Es stellt uns nicht in die Zielgerade von Beschleunigung und Entwicklung. Mit seinen Festzeiten nimmt es uns mit in eine Ordnung, die älter ist als wir selbst und weit über uns hinauszielt. Es lädt uns ein, im Alltag innezuhalten. Gerade jetzt, wenn die Tage kürzer werden, wenn die Hitze des Sommers nachlässt und wir wieder mehr ins Haus zurückkehren, wächst unser Bedürfnis nach Ruhe. Die Feste der Kirche könnten uns dabei unterstützen: Erntedank, Allerheiligen, Advent, Weihnachten, Dreikönige, dann die anschliessende Fastenzeit, Ostern und Pfingsten – sie bilden eine Abfolge, die nicht Produktivität steigern will, sondern Zeit und Raum schenkt. In einer Welt, die unablässig nach vorne drängt, sind die wiederkehrenden Feste der Kirche wie Haltestellen am Weg.
Und doch fällt es uns nicht einfach, die Feste als das zu nehmen. Wir geraten nur allzu schnell unter Druck. Wir denken uns passende Geschenke aus, richten die Wohnung gemütlich ein oder nehmen uns ein richtiges Festessen vor. Wir schaffen es tatsächlich immer wieder, gerade auch die «ruhige» Zeit zu einer Hochblüte von Stress, Ärger und Erwartungen auszubauen. Da sind wir als Kirche nicht ausgenommen. Die Anlässe im kirchlichen Alltag jagen sich schier gegen das Jahresende.
Nun, ich bin kein Moralist. Mich interessiert weniger das, was wir vielleicht falsch machen. Mich interessiert vielmehr, welcher positive, lebensbejahende Kern in unseren Handlungen steckt. Gott ist immer da. Mittendrin. Wenn wir uns mitten in unserem Alltag öffnen, bemerken wir, dass sogar in unserem Stress ein Kraftmoment liegt. Wir engagieren uns, weil wir etwas beitragen wollen und überzeugt sind, dass das etwas bringt. Wir kaufen Geschenke, weil wir Freude machen wollen. Wir treffen uns mit Menschen – sogar mit Arbeitskolleg:innen oder Familienmitgliedern, mit denen wir vielleicht das „Heu nicht auf der gleichen Bühne“ haben – weil wir uns grundsätzlich verbunden fühlen. Wir zünden Kerzen an, weil wir Licht ins Dunkel bringen wollen.
Wir suchen in allem eigentlich nach gelingenden Bezügen und können sogar in Anstrengungen zu unserer Lebendigkeit finden. Nehmen wir uns also nicht einfach vor, etwas nicht tun zu dürfen, sondern schauen wir auf das, was wir mit unserem Tun suchen: Verbundenheit, Menschlichkeit und Licht. Wenn wir aus dieser Mitte heraus agieren, kann es allmählich weihnachtlich werden in uns und über uns hinaus.