Pfarrkolumne

Mehr Besinnung

Zur Fastenzeit fragt Tobias Zehnder nach dem Mehrwert davon, weniger zu haben.

Als ich diese Zeilen schreibe, ist die Fastenzeit noch weit weg. Ich befinde mich mitten in der Vorweihnachtszeit. Jene Zeit, in der Kirche traditionell Hochsaison hat. Die Dichte an Anlässen ist überdurchschnittlich hoch, die Agenda prall gefüllt. Alles muss noch schnell erledigt werden. Fast so, als ginge mit dem Ende des Jahres auch gleich die Welt zu Ende.

Diesem Sog kann auch ich mich nicht entziehen. Da noch schnell ein paar Sitzungen, hier noch schnell ein Telefonat. Zwischendurch schnell Texte und Predigten schreiben. Und über den Mittag schnell ins Einkaufscenter. Dorthin, wo alle noch schnell die letzten Geschenke kaufen. Bereits am Zweiten Weihnachtstag dann blicke ich besorgt in den halbvollen Kühlschrank. Ob das für Silvester reicht? Also schnell nochmal einkaufen – zartes Rindfleisch für das Silvestermenü, eine Familienpackung Rotwein und bunte Tischbomben für ein knalliges Jahresende.

Aber wenn das letzte Glas getrunken, der letzte Bissen gegessen und die letzte Bombe gezündet ist, kommt nicht das Ende. Stattdessen kehrt langsam Stille ein. Das und die Besinnung, dass ich von allem mal wieder viel zu viel angehäuft habe.

Allein in der Schweiz erhöht sich die Abfallmenge über die Festtage um bis zu 30 Prozent. Über das Jahr verteilt produziert jede von uns rund 703 Kilogramm Abfall. Drei Millionen Tonnen Lebensmittel etwa landen in der Schweiz jährlich im Müll. Das entspricht der Ladung von 150'000 Lastwagen. Aneinandergereiht ergibt das eine Kolonne von Bern bis nach Madrid.

Dieser unnötige Abfall ist ein Bumerang, der sich auf unser Klima auswirkt. Fruchtbarer Boden und sauberes Wasser werden belastet, ganz zu schweigen von den Emissionen durch den Transport. Die erhöhte Temperatur führt zu längeren Dürreperioden oder Überschwemmungen. Ganze Landstriche werden verwüstet. Die Lebensmittelproduktion, die wir aus Kostengründen oft in ärmere Länder auslagern, wird davon zuerst in Mitleidenschaft gezogen.

Alle Jahre wieder sage ich mir nach der Festzeit, dass ich es nächstes Jahr anders mache. Ich nehme mir vor, weniger zu kaufen, zu machen, zu tun. Denn eigentlich wüsste ich, dass weniger auch für mich mehr ist. Weniger lässt mich achtsamer mit dem umgehen, was ich habe. Weniger lässt die Dinge klarer erscheinen. Meine Beziehung zu Gott erlebe ich mehr im Weniger und weniger im Mehr. Dass ein «Weniger» an Konsum, Stress und Mobilität ein «Mehr» bezüglich Wohlbefinden, Achtsamkeit und Gerechtigkeit bedeutet, wird in der Zeit vor Ostern seit Jahrhunderten gelebt.

«Weniger ist mehr» lautet denn auch das Thema der diesjährigen Fastenkampagne. Vom 14. Februar bis zum 31. März fragen wir danach, was wir gewinnen, wenn wir loslassen. Dabei begleitet uns der Fastenkalender. Mit diversen Impulsen motiviert er, über echten Mehrwert nachzudenken. Was kann ich in meinem Alltag tun? Wo kann ich achtsamer werden? Was inspiriert mich?

Und wo wäre bei Ihnen weniger mehr?

Tobias Zehnder